Raubtierzähmung

Letzten Samstag war es endlich so weit, ich habe mir Mac OS X Leopard 10.5 zugelegt. Es war ein kleiner Kampf, da das Betriebssystem in Dortmund, Essen, Bochum und Düsseldorf ausverkauft war. Sogar mein Lieblings-Systemhaus wurde von der Anfrage schlicht überrollt. Nur der Saturn in Düsseldorf hatte noch 200 Stück auf Lager. Zum Glück ist das Ruhrgebiet durch die vielen Autobahnen eng miteinander verzahnt. Christian wurde eingepackt und musste mit. Ein Entkommen war dank meiner schier unüberwindbaren Überzeugungskraft nicht wirklich möglich (wie wäre er auch von dem Saturn Markt in Eving wieder weg gekommen?!) ;-). Hier nun mein erster Testbericht:

Allgemeines

Das System nach der Installation machte auf mich einen gewöhnungsbedürftigen Eindruck. Der Hintergrund, das neue Dock und vor allem diese halbtransparente Menüleiste, auf der man so gut wie gar nichts mehr erkennt, wählt man ein dunkles Hintergrundbild aus. Ein Schalter in den Systemeinstellungen, mit dem man dieses Verhalten abschalten kann, wäre wünschenswert gewesen. Leider fand das bei Apple wohl niemand eine gute Idee. Die Foren und das Usenet sprechen aber eine ganz andere Sprache. Sehr viele Benutzer wünschen sich die alte Menüleiste zurück. Obwohl die Programme nun alle schneller starten, macht das System im Allgemeinen einen “ruckeligen” Eindruck, viele Grafikeffekte sind sogar auf dem Power Mac anscheinend zu viel (dazu aber später mehr). Direkt nach der Installation beginnt Spotlight mit der Indizierung des im System befindlichen Festplatten. Wenn man viele Daten hat, lässt man den Rechner am Besten über Nacht an. Erst wenn die “grosse” Indizierung abgeschlossen ist, kann man verlässlich etwas über die Performance sagen.

Installation

Über die Installation kann ich nicht viel sagen, sie verlief einwandfrei, schnell und sauber. Genau so wie ich es vom alten Panther und Tiger gewohnt war. Über ein Upgrade kann ich gar nichts sagen, da ich nicht viel von Upgrades halte und Neuinstallationen vorziehe. Es sind einige Tools in den Dienstprogrammen hinzugekommen, unter anderem ein System mittels eines “Time Machine”-Backups wieder herstellen zu können.

Neue Features

Ein neues Release bringt natürlich auch viele neue Features mit sich. Die 300 neuen Features, mit denen Apple sich rühmt, sind natürlich nicht alles Funktionen die sofort ins Auge springen. Hier sind nur die Auffälligsten erwähnt:

Finder

Der Finder wurde massiv verbessert, die neue Seitenleiste kann nun endlich anständig konfiguriert und bei Bedarf ausgeblendet werden. Ausserdem kann der Finder nun so konfiguriert werden, dass jedes Finder Fenster sich an eine voreingestellte (Symbol-)Darstellung halten muss. Jeder, der versucht hat für jeden Ordner eine Listenansicht unter dem Tiger zu konfigurieren, weiss wie hilfreich dieses Feature ist. Schaltet man nun um von z.B. Listenansicht auf Cover Flow um, behält der Finde auch die Cover Flow Ansicht für jeden Ordner bei. Setzt man die Option nicht, verhält sich der Finder wie immer. Quickview ist eine sehr nette Idee und erleichtet die Arbeit enorm. Besonders bei vielen PDF- oder Bild-Dateien macht das Durchsuchen richtig Spass.

Time Machine

Das Backup-Tool hat mich ein wenig enttäuscht. Es ist grafisch sehr schön gemacht, allerdings bietet es kaum eine Einstellmöglichkeit. Es ist nur möglich Volumes vom Backup auszuschliessen, ein “Opt-In”, also zu sagen welche Dateien und Ordner man sichern möchte, ist anscheinend nicht vorgesehen. Somit muss die Backup-Festplatte mindestens so gross sein wie die System-Festplatte. Besser ist es jedoch, wenn sie doppelt so gross ist. Bei Festplatten um die 500 GB wird es da schwierig, oder sagen wir besser kostspielig. Aber wer sagt das ein Mac günstig im Unterhalt ist?

BootCamp

BootCamp habe ich noch nicht ausführlich testen können. Es ist nun, wie bereits bekannt, in Mac OS X integriert. Bisher ist mir nur aufgefallen, dass die Festplatte auf der sich die Windows Partition befindet, keine RAID-Partition beinhalten darf. Genauer habe ich mich damit aber noch nicht auseinander gesetzt.

Spaces

Ist ja eine nette Idee, kennt Linux schon seit langem. An sich finde ich die Idee sehr gut, zusammen mit Exposé lässt sich damit wirklicht gut arbeiten. Allerdings scheint die Implementierung nicht ganz sauber zu sein. Mir gingen mehrmals Fenster “verloren”, so dass nach einem Wechsel von einem Space auf dem anderen (durch das fokussieren einer Anwendung) die Applikation zwar noch vorhanden, das Fenster aber unauffindbar war. Ich dachte zuerst daran, das das Fenster versteckt wurde, dem war aber nicht der Fall. Spaces werde ich erst mal mit Vorsicht geniessen.

Webclip-Widgets mit Safari erstellen

Das Widget Tool im Safari ist für mich völlig überflüssig. Es kann nur sehr sehr einfache Widgets erstellen. Also eigentlich nur eine Verkleinerte Sicht auf eine Webseite (z.B. Listen oder Börsenkurse o.ä.). Sobald man z.B. eine Suchmaske verwenden will, die in eine Webseite eingebettet ist, funktioniert das Widget Tool nicht mehr. Mehrmals erlebt z.B. bei Suchmasken oder Eingabefeldern. Sehr schade eigentlich. Für Eingabemasken oder Suchanfragen innerhalb von Widgets (wie z.B. das Wikipedia Widget o.ä) wird man bis auf weiteres nicht drum herum kommen “von Hand” zu skripten.

Probleme

Wie bereits in diversen Foren angedeutet, gibt es wohl ein Problem mit den Grafiktreibern des Leoparden. Bisher zeichnet sich der Trend ab, dass Benutzer mit ATI Grafikkarten überhaupt keine Probleme zu haben scheinen. Nichts ruckelt, teils ist das System sogar schneller als der “alte Tiger”. Benutzer mit NVidia Grafikkarten (zu denen ich leider derzeit auch noch zähle) haben teils erhebliche Probleme mit den neuen Grafikeffekten. Die Effekte beim Ablegen in das Dock, oder die Effekte im Finder beim Benutzen von Quickview, sind nicht wirklich flüssig und wirken teilweise abgehackt. Das System an sich hat allerdings bei Geekbench oder in der Aktivitätsanzeige gute Werte, auch die I/O sieht in Ordnung aus. Durch die halbdurchsichtige Menüleiste wird womöglich auch die Grafikengine belastet. Daher ist die Vermutung, dass die Grafikengine bzw. die Treiber für die einzelnen Grafikkarten noch nicht ganz das Gelbe vom Ei sind, nicht ganz unbegründet. Vermutlich haben die Entwickler auch mehr Zeit auf die Entwicklung von ATI Treibern verwendet, da in allen neuen iMacs ATI Grafikkarten verbaut sind. Ich hoffe bis 10.5.5 wird sich in dieser Hinsicht noch einiges tun.

2D-Look des Docks wiederherstellen

Wer wie ich den 3D-Look des Docks hässlich und total unergonomisch findet, kann mittels defaults write com.apple.dock no-glass -boolean YES; killall Dock den 3D-Look abschalten und wieder zu einer 2D Darstellung zurückkehren. Meines Erachtens die bessere und viel ergonomischere Ansicht.

Fazit

Mac OS X 10.5 Leopard ist für mich noch ein Entwicklungssystem, welches beim Kunden reifen soll. Der Satz “Never trust a .0 release” und “Nerver touch a running system” gelten hier mehr als zuvor. Dem Release hätten weitere 6 Monate in der Entwicklungsabteilung gut getan. Allerdings wollte Apple den Start des neuen Systems wohl nicht schon wieder verschieben und sich damit eingestehen, sich bezüglich der benötigten Entwicklungszeit heftig verkalkuliert zu haben. Ich hoffe das bis spätestens 10.5.5 viele der noch bestehenden Probleme behoben sein werden und das Apple bis dahin verbesserte Treiber, vor allem für die Grafikkarten, nachgeliefert hat. Ansonsten werde ich wohl den alten Tiger wieder aus dem Schrank holen.

Jason Friedrich

Just another left-handed, binge-watching tech geek who enjoys drinking coffee, playing video games and writing on the Internet.